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Ratgeber · Handhabungstechnik

DAS REAKTIONSMOMENT BEIM SCHRAUBEN AN DER HUBACHSE

Ein Nm-Wert im Datenblatt sagt wenig über den realen Schraubfall. Entscheidend ist, wie Drehmoment, Last und Hub zusammenspielen und wie die Hubachse das Gegenmoment sicher ableitet. Für Fälle, in denen ein Standardsystem das geforderte Moment nicht mehr aufnimmt, legen wir individuell aus.

KAPITEL 01
Was beim Schrauben wirklich passiert

Beim Anziehen einer Schraube wirkt das Anzugsmoment auf die Verbindung. Nach dem Prinzip actio gleich reactio wirkt ein gleich großes Gegenmoment auf das Schraubwerkzeug zurück. Dieses Reaktionsmoment muss irgendwo abgestützt werden. Bei handgeführten Schraubern übernimmt das der Arm des Werkers, was ab wenigen Newtonmetern ergonomisch kritisch und ab höheren Momenten nicht mehr zulässig ist.

An einer Hubachse wird das Reaktionsmoment nicht in den Menschen, sondern über die starre lineare Führung in die Struktur und die Schiene abgeleitet. Genau das macht die Hubachse zur tragenden Basis für Schraubapplikationen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie viel Moment in welcher Richtung bei welchem Hub sie aufnimmt.

KAPITEL 02
Wie sich das Reaktionsmoment berechnet

Das Reaktionsmoment entspricht dem Anzugsmoment und folgt der Grundformel der Mechanik. Das Moment ist das Produkt aus Kraft und senkrechtem Hebelarm.

M = F x r

( M Moment in Nm / F Kraft in N / r senkrechter Hebelarm in m )

Greift die Kraft nicht senkrecht an, zählt nur ihr senkrechter Anteil. Dann gilt die allgemeine Form M = F × r × sin α. Bei 90 Grad ist das Moment maximal, bei 0 Grad verschwindet es. Für die Praxis bedeutet das zweierlei. Erstens: Wer den Hebelarm verlängert, erhöht bei gleicher Kraft das Moment. Zweitens, und das ist für die Hubachse der entscheidende Punkt: Der Abstand von der Schraubstelle zur Führung ist selbst ein Hebelarm. Er wächst mit dem Hub und vergrößert damit die Kräfte, die in Führung und Struktur eingeleitet werden.

Ein Zahlenbeispiel macht das greifbar. Ein Reaktionsmoment von 1.300 Nm, das über einen Führungsabstand von 0,3 m abgestützt wird, erzeugt an der Führung eine Querkraft von rund 4.300 N. Verdoppelt sich dieser Abstand durch größeren Hub, verdoppelt sich die Kraft. Genau deshalb ist die Momentrichtung und der ungünstigste Hubpunkt Teil jeder seriösen Auslegung.

KAPITEL 03
Drei Größen, ein Lastfall

Ein einzelner Nm-Wert im Datenblatt beschreibt fast nie den Zustand, in dem tatsächlich geschraubt wird. Drei Größen hängen voneinander ab und müssen gemeinsam betrachtet werden.

Größe 1

DREHMOMENT

Höhe und Richtung des Reaktionsmoments. Horizontal geschraubt belastet die Führung auf Biegung, vertikal auf Verdrehung, zwei verschiedene Lastfälle.​

Größe 2

LAST

Das gleichzeitig getragene Gewicht aus Werkzeug, Aufnahme und Bauteil. Es addiert sich zu den Kräften aus dem Reaktionsmoment.

Größe 3

HUB

Je weiter ausgefahren, desto länger der Hebelarm. Bei großem Hub sinken zulässige Last und übertragbares Moment spürbar.

Ein Katalogwert von etwa 2.500 Nm kann für kurzen Hub und mittige Last gelten und im realen Fall mit über einem Meter Hub und horizontaler Momentrichtung deutlich unterschritten werden. Deshalb ist die entscheidende Frage bei einer Schraubapplikation nicht die maximale Traglast, sondern die Momentaufnahme im ungünstigsten Punkt des Hubbereichs.

KAPITEL 04

Horizontal oder vertikal geschraubt

Vertikal schrauben

  • Momentrichtung: um die vertikale Achse

  • Belastung der Führung: Verdrehung

  • Aufnahme über: Verdrehsicherung, Fahrwerk

  • Konstruktiver Aufwand: moderat

Horizontal schrauben

  • Momentrichtung: um die horizontale Achse

  • Belastung der Führung: Biegung

  • Aufnahme über: Führung, Struktur, Anbindung

  • Konstruktiver Aufwand: höher

Seriöse Datenblätter geben getrennte Werte für horizontales und vertikales Moment an. Wer nur einen Wert nennt, verschweigt die anspruchsvollere Richtung. Vor jeder Auslegung muss die Momentrichtung im Prozess geklärt sein.

KAPITEL 05

Ab wann von Hand nicht mehr geht

Eine feste Nm-Grenze für die Abstützpflicht gibt es nicht. Maßgeblich sind Schraubertyp, Wiederholhäufigkeit und Arbeitshaltung. Der Schraubertyp entscheidet, wie stark das Reaktionsmoment auf den Werker durchschlägt.

Stabschrauber

  • Reaktionsmoment am Werker: hoch, dreht sich in der Hand

  • Abstützung sinnvoll ab niedrigem einstelligen Nm-Bereich

Pistolenschrauber

  • Reaktionsmoment am Werker: mittel, besser greifbar

  • Abstützung sinnvoll ab mittlerem einstelligen Nm-Bereich

Winkelschrauber

  • Reaktionsmoment am Werker: über den Hebel gut aufnehmbar

  • Abstützung sinnvoll ab höherem zweistelligen Nm-Bereich

Impulsschrauber

  • Reaktionsmoment am Werker: sehr gering durch kurze Impulse

  • Meist ohne Abstützung nutzbar

Bei hohen Momenten oder häufiger Wiederholung ist die Aufnahme des Reaktionsmoments durch den Werker weder ergonomisch vertretbar noch prozesssicher. Dann übernimmt eine Abstützung. Zu unterscheiden ist dabei die reine Drehmomentstütze, die nur das Moment aufnimmt, von der tragenden Hubachse, die zusätzlich die Last pendelfrei über großen Hub führt. Für die Kombination aus hohem Moment, mittlerer Last und großem Hub ist die Hubachse die passende Basis.

KAPITEL 06
Wenn der Baukasten an die Grenze kommt: Genau da fangen wir an

Modulare Standardsysteme geben ihre Nm-Werte für einen Idealfall an. Trifft ein realer Schraubfall die kritische Kombination aus hohem Reaktionsmoment, mittlerer bis schwerer Last und großem Hub, stoßen sie an ihre Grenze und die Anfrage bleibt unbeantwortet.

Zeilhofer legt genau diese Fälle aus, individuell statt aus dem Regal. Wir binden die Hubachse dabei an ein bereits vorhandenes Schienensystem an, auch an Fremdfabrikate und deren Fahrwerke, und stimmen sie auf das geforderte Moment in seiner Richtung ab. So bleibt Ihre installierte Infrastruktur nutzbar, während die Momentaufnahme sicher gelöst wird.

KAPITEL 07

Weitere Basen für Schraubprozesse

Die Hubachse ist die richtige Basis, wenn hängend an einer Schiene geschraubt wird. Je nach Einbausituation nehmen aber auch andere Systeme das Reaktionsmoment auf. Welche Basis für Ihren Prozess passt, hängt von Einbausituation, Bewegungsbedarf und Bauraum ab.

Hängend an Schiene: Hubachse

  • Pendelfreies Heben auf der Z-Achse und Momentaufnahme über die starre Führung. Ideal bei vorhandenem Schienensystem und großem Hub.

Frei im Raum: Gelenk-Manipulator

  • Nimmt außermittige Lasten und Drehmomente bis 800 kg auf und positioniert das Bauteil in mehreren Achsen, wenn nicht nur vertikal gearbeitet wird.

Freistehend am Boden: Verfahrbarer Bodenwagen

  • Leitet das Reaktionsmoment über Aufbau und Standfläche in den Boden ab. Passt, wo keine Schiene vorhanden oder tragfähig ist.

Konkrete Anwendungen zeigen die Beiträge Hubachse ZH90 in der Schraubmontage und verfahrbarer Bodenwagen zum Verschrauben. Die grundsätzliche Abgrenzung der Systeme behandelt der Ratgeber Manipulator, Kran oder Kettenzug.

KAPITEL 08
Was für eine belastbare Auslegung nötig ist

Damit eine Hubachse einen Schraubfall sicher aufnimmt, statt an einer Katalogzahl gemessen zu werden, klären wir vorab diese Punkte:

  • Maximales Reaktionsmoment und seine Richtung, horizontal oder vertikal

  • Geforderter Hub und der ungünstigste Punkt im Hubbereich

  • Gleichzeitig getragene Last aus Werkzeug, Aufnahme und Bauteil

  • Anbindungsflansch und Laufwagen zur Aufnahme des Schraubers

  • Anbindung an vorhandenes Schienensystem, Katzrahmen und Fahrwerke, auch Fremdfabrikate

  • Drehgelenk um die Z-Achse, bei Bedarf auf feste Winkel absteckbar

  • Zusammenspiel mit vorhandenem Antrieb, etwa einem kundenseitigen Seilbalancer

  • Steuerung, Positionsüberwachung und Absteckung der Schraubposition

Zeilhofer Handhabungstechnik legt jeden Schraubfall auf diese Größen aus, statt aus einem festen Baukasten zu greifen. Die Hubachse ZH90 nimmt Lasten bis 1.200 kg pendelfrei auf der linearen Z-Achse auf und wird für Schraubapplikationen gezielt auf das geforderte Reaktionsmoment ausgelegt, inklusive Anbindungsflansch und Laufwagen. Als Fertigung aus einer Hand, ISO 9001 zertifiziert und nach TISAX Level 2 mit Prototypenschutz.

KAPITEL 09
Momentaufnahme ist nur die halbe Miete

Ein System, das nur das Reaktionsmoment aufnimmt, macht den Schraubprozess noch nicht sicher. Auf Wunsch verbindet Zeilhofer die Hubachse mit einer integrierten Steuerung, die den gesamten Ablauf absichert. Das unterscheidet eine ausgelegte Schraublösung von einer reinen Abstützung.

Verschraubung verifiziert

  • Die Steuerung prüft, ob jede Schraube korrekt und mit dem richtigen Drehmoment angezogen wurde. Erst nach erfolgreicher Verschraubung gibt sie den nächsten Schritt frei.

Werkzeug überwacht

  • Überwachte Lagerpositionen und ein Halter zeigen dem Werker das richtige Werkzeug an. Nur mit dem korrekten Bit oder Steckschlüssel lässt sich die Bewegung freigeben.

Freigabelogik im Takt

  • Position und Reihenfolge der Schraubpunkte sind in der Steuerung hinterlegt. Das sichert die richtige Abfolge und erhöht Takt- und Prozesssicherheit.

Aus einer Hand

  • Struktur, Führung, Anbindung, Vorrichtung und Steuerung kommen von einem Hersteller. ISO 9001 zertifiziert, nach TISAX Level 2 mit Prototypenschutz, Made in Germany.

FAQ / Q&A
HÄUFIGE FRAGEN

01 Was ist das Reaktionsmoment beim Schrauben?

Beim Anziehen einer Schraube wirkt das Anzugsmoment auf die Schraube, ein gleich großes Gegenmoment auf das Werkzeug zurück. Dieses Gegenmoment ist das Reaktionsmoment. Es muss abgestützt werden, sonst dreht sich das Werkzeug samt Bediener oder Traggerät mit. An der Hubachse wird es über die starre Führung in den Aufbau abgeleitet.

02 Welche Hubachse nimmt 1.300 Nm auf?

Das hängt nicht von einem einzelnen Katalogwert ab, sondern von der Kombination aus Drehmoment, Last, Hub und Momentrichtung im konkreten Fall. Ein hoher Nm-Wert gilt oft nur bei kurzem Hub und geringer Last. Zeilhofer legt die Hubachse auf den tatsächlichen Schraubfall aus, inklusive Anbindungsflansch und Laufwagen.

03 Wie berechnet man das Reaktionsmoment?

Das Reaktionsmoment entspricht dem Anzugsmoment und folgt der Formel M = F × r, Kraft mal senkrechtem Hebelarm. Greift die Kraft schräg an, gilt M = F × r × sin α. Für die Hubachse ist zusätzlich der Abstand von Schraubstelle zur Führung entscheidend, denn dieser Hebelarm wächst mit dem Hub.

04 Warum sinkt das Drehmoment mit zunehmendem Hub?

Je weiter ausgefahren, desto länger der Hebelarm zwischen Schraubstelle und Führung. Das Reaktionsmoment erzeugt größere Kräfte und Verformungen. Deshalb sinken bei großem Hub sowohl zulässige Nutzlast als auch übertragbares Moment. Eine belastbare Auslegung betrachtet den ungünstigsten Punkt im Hubbereich.

05 Was ist der Unterschied zwischen Anzugsmoment und maximalem Werkzeugmoment?

Das Anzugsmoment ist der Sollwert, mit dem eine Schraube angezogen wird. Das maximale Werkzeugmoment ist der höchste Wert, den der Schrauber abgeben kann. Für die Abstützung zählt das tatsächlich wirksame Reaktionsmoment im Prozess, das darunter liegen kann. Beide Werte dürfen nicht gleichgesetzt werden.

06 Ab welchem Drehmoment muss ein Schrauber abgestützt werden?

Eine feste Grenze gibt es nicht, maßgeblich sind Schraubertyp, Wiederholhäufigkeit und Arbeitshaltung. Bei Stabschraubern ist eine Abstützung schon im niedrigen Nm-Bereich sinnvoll, bei Winkelschraubern erst deutlich später. Bei hohen Momenten oder häufiger Wiederholung übernimmt eine Abstützung oder eine Hubachse.

07 Was unterscheidet eine Drehmomentstütze von einer Hubachse für Schraubapplikationen?

Eine Drehmomentstütze nimmt allein das Reaktionsmoment auf und trägt keine schwere Last über großen Hub. Eine Hubachse verbindet beides: pendelfreies Heben auf der Z-Achse und Aufnahme des Reaktionsmoments. Für hohes Moment, mittlere Last und großen Hub ist die tragende Hubachse die passende Basis.

08 Kann eine Hubachse an ein bestehendes Fremd-Schienensystem angebunden werden?

Ja. Über passenden Katzrahmen und Laufwagen lässt sich die Hubachse an vorhandene Schienensysteme anbinden, auch an Fremdfabrikate. So bleibt ein installiertes Schienensystem nutzbar, während die Hubachse gezielt auf das geforderte Reaktionsmoment ausgelegt wird.

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